Die Tollkirsche - eine magische Frucht

in Deutsch D-A-CH5 months ago (edited)

english summary: Atropa belladonna, it´s active substance and the history of it´s usage by witches and others.

Liebe Hiver,

in meiner Kindheit sagte man mir immer, "Iß nicht irgendwelche Früchte von einem Strauch, die Du nicht kennst, es ist vielleicht eine Tollkirsche - davon stirbt man!". Das war ziemlich dumm, denn Tollkirschen sind ja leicht zu erkennen. Es hatte wohl eher einen erzieherischen Charakter, denn man sollte tatsächlich nichts Unbekanntes essen, ob Tollkirsche oder nicht.

Die Tollkirsche (Atropa belladonna) gehört zu den Nachtschattengewächsen (genauso wie die Kartoffel oder die Tabakpflanze). Der Name Atropa kommt von der griech. Schicksalsgöttin Atropos, die den Lebensfaden der Menschen durchtrennt! Die kirschähnlichen, schwarz-glänzenden Früchte sind von Kelchblättern umgeben, die an eine Tomate erinnern, und eigentlich kaum zu verwechseln:

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https://www.britannica.com/plant/belladonna

Die Blüten duften tagsüber gar nicht, aber mitten in der Nacht verströmen sie einen starken süßlichen Geruch - sie werden von Nachtfaltern bestäubt. Angeblich reicht das Essen von 3 bis 4 Beeren bei Kindern und 10 bis 12 Beeren bei Erwachsenen, um unbehandelt tödlich zu enden. Nicht nur die Früchte, sondern auch die Blätter, Blüten und Wurzeln enthalten bestimmte Alkaloide ( vor allem Hyoscyamin (=Atropin), aber auch Scopolamin, Apoatropin, Belladonnin und Scopoletin), die parasympatholytisch (=anticholinerg) wirken. Atropin ist übrigens auch im Stechapfel (Datura stramonium) und im Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) enthalten, beides ebenfalls sehr interessante Nachtschattengewächse und eigene posts wert! Atropin wurde erstmals 1824 vom deutschen Apotheker Philipp Lorenz Geiger (1785–1836) aus der Tollkirsche isoliert. Er gab der Substanz auch ihren Namen.
Die Hemmung des Parasympathicus wirkt krampflösend, bronchien- und pupillenerweiternd (mydriatisch) (daher "belladonna", weil sich damit Frauen durch die Pupillenerweiterung schöner machten). Da auch die Speicheldrüsen gehemmt werden, entsteht rasch eine Mundtrockenheit. Wegen der bronchienerweiternden Wirkung wurden Extrakte früher bei Asthma verwendet, oder als sog. "Asthma-Zigaretten" inhaliert - heute kaum mehr vorstellbar.
Eine Vergiftung erfolgt in mehreren Phasen, je nach der eingenommenen Menge an Atropin: Ab 0,5mg tritt Mundtrockenheit auf. Ab 1mg kommt es zu Pupillenerweiterung. Ab 3mg kommen Sehstörungen, Hitzegefühle und Tachykardie dazu. Ab 5mg kann es zu starker Erregung und Fieber kommen, Delirium, Halluzinationen, und aufgrund von Atemlähmung können Koma und Herzstillstand eintreten.

In der Medizin wird die Tollkirsche seit dem 18. Jhd. verwendet, heute wird aber nur noch der Reinstoff Atropin verwendet, nicht wie früher Extrakte aus Pflanzen (wegen der geringen therapeutischen Breite (d.h. des Abstands zwischen nützlicher und giftiger Dosis)). In der Augenheilkunde als Mydriatikum, in der Anästhesiologie zur Prämedikation bei Narkosen (die Hemmung der Speichelsekretion und der Motorik des Magen-Darm-Traktes soll Komplikationen während der Operation verhindern), als Antidot bei Vergiftungen mit Acetylcholinesterasehemmern (z.B. Phosphorsäureestern wie das Insektizid E605, das früher gerne für Giftmorde eingesetzt wurde), sowie zur Behandlung von kolikartigen Schmerzen (z.B. bei Gallensteinen, die extrem starke Schmerzen verursachen können).

Soweit die Schulmedizin. Daneben ranken sich aber um die Tollkirsche die wildesten Geschichten, der die Tollkirsche sicher auch ihren Ruf zu verdanken hat. Das Wort "toll" meint ja nicht das im heutigen Sprachgebrauch übliche positive Eigenschaftswort, sondern steht für "verrückt" (auch die Tollwut kommt davon).

Im Volksglauben galt sie schon seit langem als Zauberpflanze. Z.B. waren Tollkirschenwurzeln Teil eines Liebeszaubers (um die Zuneigung eines Mädchens zu gewinnen), ein Extrakt davon hat angeblich eine aphrodisierende Wirkung. Als Amulett um den Hals getragen sollte sie auch helfen, die Zuneigung der Mitmenschen zu erlangen. Unter dem Namen Bollwurz sollte sie auch vor Verwundungen schützen.

Schon im Mittelalter galt die Tollkirsche als Hexenkraut. Wie Bilsenkraut und Stechapfel wurde sie zur Herstellung von Flug- oder Hexensalben verwendet. Flugsalbe deswegen, weil die durch Atropin ausgelösten Halluzinationen oft Flugerlebnisse beinhalteten. Appliziert wurde die Flugsalbe teilweise in nächtlichen Ritualen in Waldlichtungen, bei denen sich die "Hexen" (tatsächlich Seherinnen, die bei den Germanen oft weiblich waren) nackt in Trance versetzten und die Flugsalbe auf einen Holzstiel auftrugen, den sie dann zwischen ihre Schenkel nahmen und sich daran rieben, wodurch die psychoaktiven Substanzen über die Schamlippen aufgenommen wurden.
Man trifft auch relativ oft in der Kunst auf nackte Hexen, die auf Besen reiten, wie hier in einer Zeichnung von Otto Goetze aus 1924 - sicher kein Zufall.
Unbenannt.JPG
https://twitter.com/classicsnymph/

Wenn nächstes Mal Harry Potter auf einem Besen daher fliegt, sollte man sich mal vergegenwärtigen, welche nicht-jugendfreie Symbolik diese Aktivität hat. Aber ich schweife etwas ab.
Die Flugerlebnisse jedenfalls oder das "Fernhören bzw. -sehen" ähneln denjenigen, die bei Nahtod-Erlebnissen gemacht werden und haben eventuell den gleichen Ursprung - je nach Überzeugung reine Einbildung oder tatsächlich eine Erweiterung des Bewusstseins auf eine andere Ebene und dessen Austreten aus dem eigenen Körper. Das Wort Trance leitet sich ja ab von lat. transire - "hinübergehen", in eine andere Dimension bzw. Bewusstseinsebene oder auch "Anderswelt", es gibt viele Bezeichnungen für diesen Zustand.
Menschen, die Tollkirschen zu sich genommen hatten, berichten auch heute noch von solchen Erfahrungen, schreibt Wolf-Dieter Storl in seinem unten verlinkten Buch.

Im 11. Jhd. hatten Dänen in einer Schlacht die Schotten geschlagen. Bei den Waffenstillstandsverhandlungen war eine Bedingung, dass die Schotten mehrere Fässer Wein liefern sollten, damit die Dänen ihren Sieg ordentlich feiern konnten. Die Schotten mischten aber Tollkirschensaft in den Wein. Nachdem die Dänen im alkohol- und drogeninduzierten Delirium lagen, wurden sie alle von den Schotten niedergemetzelt.

In einem Kräuterbuch aus dem Jahr 1485 hieß es über die Tollkirsche:

»Diß krut und wurtzel nutzet man in der artzeny… Item welche frauwe diß kruts oder wurtzel nutzet die fellet gern in ein krangheit mania genant das ist hirn wüstig. vnd darumb sollen alle menschen diß meyden … sunderlich die frauwen…«

Hildegard von Bingen warnte schon im 12. Jhd. vor der zerrüttenden Wirkung der Tollkirsche auf die menschliche Psyche und verband sie mit dem Teufel, "verteufelte" sie also buchstäblich. Damit eröffnete sie eine unrühmliche Tradition in der Kirchengeschichte, bei der alle alten, keltischen oder germanischen Ritualpflanzen und Kräuter extrem in Verruf gebracht wurden. Pflanzen, die bekanntermassen in Zusammenhang mit Hexenpraktiken standen, kamen natürlich alle auf die schwarze Liste, auch wenn sie noch so hilfreich in medizinischer Sicht gewesen wären (moderne Medizin gab es ja noch nicht). Noch im Jahr 1749 wurde Maria Renate Singer, die Subpriorin eines Klosters in Unterzell in Unterfranken enthauptet wegen "Zauberei", nur weil in ihrem Klostergarten Atropa belladonna gefunden worden war.

Nicht nur Frauen benutzten Atropin zur Pupillenerweiterung (zum Bezirzen von Männern, die sie dann aber nur verschwommen sehen konnten). Auch Wilderer benutzen (auch heute noch?) die Beeren angeblich, um nachts besser zu sehen und um "hellhörig" zu werden - um intuitiv zu erahnen, wo sich Hirsche und Gämsen aufhielten, und die Jäger! Eine haarsträubende Geschichte dazu mit vermutlich einem wahren Kern findet sich hier. Es kommt auch immer wieder zu Vergiftungen, teils wegen Verwechseln mit Steinobst, aber neuerdings auch durch misslungene Trips von Pseudoschamanen oder Alternativ-Junkies. Also bitte sehr vorsichtig sein im Umgang mit dieser Pflanze!

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Tollkirsche#Toxikologische_Wirkstoffe
https://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-232015/die-frauen-mit-den-schoenen-augen/
https://seelengaertner.at/hexen-teil-3-die-maechtigen-zauberpflanzen-der-hexe-und-ihre-anwendung/
Wolf-Dieter Storl, "Einsichten und Weitblicke", AT verlag 2020

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Ein sehr guter Bericht. Fühle mich sehr gut informiert was diese sehr interessante und auch sehr gefährliche Pflanze betrifft.

Liebe Grüße Michael

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