Krieg unter Schimpansen
Liebe Leser,
leider ist das Führen von Kriegen nicht nur auf die Menschheit begrenzt, systematische gewalttätige Auseinandersetzungen (also nicht nur der Kampf zwischen 2 Individuen, wie er ständig passiert) gibt es auch im Tierreich (z.B. bekannt bei Menschenaffen, Ameisen, Zebramangusten, Löwen und Wölfen). Organisierte Gewalt ist uns offenbar in die genetische Wiege gelegt.
Die größte bekannte Schimpansengruppe der Welt hat sich in zwei verfeindete Fraktionen gespalten und führt nun einen tödlichen Konflikt, laut einer kürzlich im Science veröffentlichten langjährigen Studie. Was ist passiert?

In Ugandas Kibale-Nationalpark lebte bis 2015 die mit etwa 200 Tieren größte bekannte Schimpansengemeinschaft (Ngogo). Über Jahrzehnte hinweg bildeten die Tiere zwei eng verbundene Cluster („Central“ und „Western“), die gemeinsam das Gebiet nutzten, sich mischten und untereinander paarten.
Ab Juni 2015 kam es plötzlich zu Spannungen: Eine Western-Gruppe floh vor einer Central-Gruppe und wurde verfolgt – ein bis dahin noch nie beobachtetes Verhalten. In den folgenden Jahren trennten sich die beiden Fraktionen räumlich und sozial komplett. Sie patrouillierten durch die jeweils eigene Territorien und behandelten die ehemaligen Gruppenmitglieder als Feinde.
Zwischen 2018 und 2024 beobachteten Forscher, wie Western-Schimpansen mindestens sieben erwachsene Männchen und 17 Jungtiere der Central-Gruppe töteten. Weitere 14 Central-Männchen verschwanden spurlos und wurden vermutlich ebenfalls Opfer von Angriffen. Zusätzliche Attacken wurden auch danach dokumentiert.
Laut den Wissenschaftlern führte der extreme Größenzuwachs der Gruppe zu starkem Konkurrenzdruck um Nahrung und Fortpflanzung. Hinzu kamen Wechsel bei den Alphamännchen und der Tod wichtiger „Brücken-Tiere“, die die beiden Cluster früher verbanden. Das soziale Gefüge brach auseinander.
Ein ähnlicher Fall ereignete sich in den 1970er-Jahren im Gombe-Nationalpark (Tansania) und wurde von Jane Goodall beobachtet. Damals zweifelten einige Forscher an der Natürlichkeit des Konflikts, weil die Tiere an menschliche Futterstellen gewöhnt waren. Die Ngogo-Beobachtung gilt nun als erster eindeutiger Beleg für einen "natürlichen" Bürgerkrieg bei Schimpansen.
Der Erstautor Aaron Sandel (University of Texas) sieht darin eine Parallele zum Menschen: Konflikte entstehen oft nicht primär durch kulturelle Unterschiede, sondern durch den Zerfall persönlicher sozialer Beziehungen. Friedensförderung sollte deshalb vor allem auf den Erhalt und die Pflege zwischenmenschlicher Kontakte setzen – auch über Konfliktgrenzen hinweg. Ich bezweifle das aber, denn Krieg entsteht öfter durch individuelle Führungspersönlichkeiten und deren Machtanspruch, die die Folgen des Krieges meist selbst nicht zu tragen haben und weniger durch persönliche Feindschaften.
Wie seht Ihr das?
Quellen:
https://www.scinexx.de/service/dossier_print_all.php?dossierID=282448
https://www.scientificamerican.com/article/two-hundred-chimpanzees-are-embroiled-in-a-civil-war
https://www.science.org/doi/10.1126/science.adz4944
Interessante Beobachtung. Irgendwie vertraut diese Mischung aus Gruppendynamik, Konkurrenz und dem plötzlichen Kippen. Sie zeigt, dass organisierte Gewalt kein rein menschliches Problem ist. Trotzdem fühlt sich der Schritt hin zur Erklärung menschlicher Kriege etwas zu kurz an.
Was man dort sieht, sind unter Druck geratene Systeme: zu viele Individuen, zu wenig Ressourcen und auch Veränderungen in der Führung. Und ja, hier spielt der Zerfall von Beziehungen sicherlich eine große Rolle.
Beim Menschen kommt aber eine weitere Ebene dazu. Entscheidungen werden nicht nur "aus der Situation heraus" getroffen, sondern oft bewusst herbeigeführt, geplant oder instrumentalisiert.
Sehe ich auch so - Machtinteressen, Ideologien oder strategische Überlegungen lassen sich nicht einfach auf biologische Muster zurückführen.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Die Voraussetzungen mögen ähnlich sein, aber der Umgang damit ist ein anderer.
Ich habe nun alles gesehen. In echt. Ich hätte jede wette verloren über die letzten jahre ( was passiert und was nicht).
Das hängt mit Gruppengröße und Anonymität zusammen. Mit dem Ansteigen beider steigt auch die Konflikt/Kriegsgefahr.
Der Unterschied den ich hier sehe, ist der, dass die Affen scheinbar aus irgendeinem Grund ein größeres Rudel bilden. Ich kenne mich in der Biologie gar nicht aus, muss ich dazu sagen. Menschen haben das Verhalten ja nicht wirklich.
Wenn in menschlicher Zivilisation ein Krieg ausbricht, dann ist der ja in aller Regel zwischen Staaten. Ich habe als Individuum keinen Einfluss auf die militärpolitischen Entscheidungen meines Nationalstaats. Außerdem ist der Nationalstaat ja kein soziales Konstrukt, wie etwa ein Rudel sondern hat eine primär ökonomische Basis.
Aber ja, Krieg zwischen sozialen Gruppen sehen wir auch beim Menschen. Mir kommen da gerade Fußball-Ultras in den Kopf, die sich auch gegenseitig gerne die Köpfe eintreten. Das ist wohl sehr vergleichbar mit den Affen.
Die Frage ist, ob man die Veranlagung zu Gewalt genetisch nachweisen kann und sollte solch eine genetische Veranlagung gefunden werden, wäre spannend herauszufinden, ob man künstlich (erstmal experimentell in der Affen-Welt) gesellschaftliche und materielle Gegebenheiten schaffen kann, die die Gruppenbildung und Gewalt vollständig auflösen.
Denn wir als Menschheit sollten ja offensichtlich nach einer Konstruktion die Kriege verhindert. Aber die Frage die sich stellt, ist die, ob es immer ein Gewaltmonopol (Polizei) braucht, um Gewalt aufgrund sozialer Kontakte (Fußball-Ultras, Gewalt in der Beziehung etc.) zu unterbinden.