Mehrere Bildschirme vor mir – was macht das mit unserem Gehirn?

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Das Morgenlicht in der Linde vor meinem Büro.
Eine Erinnerung daran, dass meine Aufmerksamkeit früher ganz anderen Dingen galt.
Bild: @vanje

English summary
In this post I reflect on something that has been on my mind lately:
What does constant screen exposure do to our brains – especially to the developing brains of children?

Inspired by recent research and my own experience of working with multiple screens, this essay explores attention, childhood, and how our environment might shape the way we think.

Vor mir stehen mehrere Bildschirme. Rechts ein Surface, links ein 24"-Monitor als Erweiterung. Zwei weitere 27"-Bildschirme – einer direkt vor mir, der andere daneben. Seitlich stehen noch zwei Notebooks für spezielle Aufgaben. Dazu kommen das iPad – und natürlich das iPhone in der Hand.

Manchmal wirkt mein Arbeitsplatz eher wie ein kleines Kontrollzentrum – nur ohne Raketenstart.

Und dann frage ich mich:
Was macht das eigentlich mit unserem Gehirn?

Dieser Gedanke kam mir wieder in den Sinn, als ich zufällig einen kurzen Beitrag über Bildschirmzeit und das kindliche Gehirn gesehen habe. Und plötzlich erinnerte ich mich auch an eine dieser kleinen Meldungen, die auf iPhone und iPad regelmäßig erscheint:

Letzte Woche betrug deine Bildschirmzeit durchschnittlich ... auf diesem Gerätimage.png
Screenshot: iPad

Meistens wische ich sie einfach weg. Doch diesmal blieb der Gedanke.

Und vielleicht betrifft dieses Thema gar nicht nur Kinder.

Bildschirmzeit und das kindliche Gehirn

Eine Studie aus dem Jahr 2020, veröffentlicht in JAMA Pediatrics1, untersuchte mit MRT-Scans die Gehirne von 50 Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren. Die Forscher um Professor John Hutton fanden einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung interaktiver Bildschirme und einer geringeren strukturellen Integrität der sogenannten weißen Substanz im Gehirn. Diese Bereiche sind wichtig für Fähigkeiten wie Sprache, Lesen und frühe kognitive Entwicklung. Kinder mit höherer Bildschirmzeit erzielten außerdem niedrigere Werte in Tests zur Sprach- und Vorlesekompetenz2.

Natürlich bedeutet ein solcher Zusammenhang noch keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung. Die Stichprobe war relativ klein, und viele Faktoren beeinflussen die Entwicklung eines Kindes. Dennoch passen die Ergebnisse zu anderen Untersuchungen, die eine frühe und intensive Bildschirmnutzung unter anderem mit Aufmerksamkeitsproblemen, Schlafstörungen und Verzögerungen in der Sprachentwicklung in Verbindung bringen. In den letzten Jahren sind zudem weitere Studien hinzugekommen, die diese Fragestellungen weiter untersuchen und vertiefen.

Um besser zu verstehen, worüber die Studie eigentlich spricht, lohnt sich ein kurzer Blick auf einen Begriff, der dabei immer wieder auftaucht: Myelin.

Die Straßen unseres Gehirns

Man kann sich das Gehirn ein wenig wie ein riesiges Netzwerk aus Straßen vorstellen. Die Nervenzellen sind die Städte. Die Verbindungen zwischen ihnen sind die Straßen. Viele dieser Nervenbahnen sind von einer fetthaltigen Schutzschicht umgeben – dem sogenannten Myelin. Myelin wirkt dabei wie eine hochwertige Asphaltierung der Straßen. Je besser diese Isolierung ist, desto schneller und zuverlässiger können Informationen von einem Teil des Gehirns zum anderen gelangen.

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Illustration: OpenAI Bildgenerator | @vanje

Wenn Forscher also Veränderungen in der sogenannten weißen Substanz beobachten, geht es vereinfacht gesagt um die Qualität dieser Verbindungswege.

Das Gehirn besteht nicht nur aus einzelnen Regionen – entscheidend ist vor allem, wie gut sie miteinander verbunden sind.

Weitere Hinweise aus der Forschung

Auch andere Organisationen und Studien beschäftigen sich mit diesem Thema.

Die American Academy of Pediatrics weist darauf hin, dass sehr hohe Bildschirmzeiten bei Kindern unter anderem mit Problemen bei Aufmerksamkeit, Schlaf und Sprachentwicklung in Verbindung gebracht werden3.

Ähnliche Empfehlungen kommen auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Gerade in den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Gehirn besonders schnell – und reale Erfahrungen, Bewegung und soziale Interaktion spielen dabei eine zentrale Rolle4.

Die Forschung ist hier noch längst nicht abgeschlossen. Aber sie liefert Hinweise darauf, dass die Umgebung, in der Kinder aufwachsen, einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns haben kann.

Ein Blick zurück

Unweigerlich musste ich dabei an meine eigene Kindheit denken. Wir hatten damals drei Fernsehprogramme. Mehr gab es nicht. Die meiste Zeit waren wir draußen. Wir bauten Hütten im Wald, schnitzten mit Taschenmessern, bastelten Bögen und Schleudern. Spielplätze und Bolzplätze waren unsere Welt. Stundenlang konnten wir uns mit Dingen beschäftigen, die wir uns selbst ausgedacht und oft auch selbst hergestellt hatten.

Heute sehe ich Kinder oft nebeneinander sitzen – jeder mit einem Bildschirm in der Hand.

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Illustration: OpenAI Bildgenerator; @vanje

Schlussgedanken

Interessanterweise hat mich dieses Thema zuerst bei mir selbst nachdenklich gemacht. Ich arbeite häufig mit mehreren Bildschirmen gleichzeitig und merke manchmal, wie meine Aufmerksamkeit zwischen vielen kleinen Impulsen hin- und herspringt. Früher konnte ich mich stundenlang in eine Sache vertiefen. Vielleicht ist das nur ein Gefühl. Aber es hat mich neugierig gemacht, was die Forschung dazu sagt.

Ein Gedanke kam mir beim Schreiben immer wieder: Vielleicht geht es gar nicht nur um Bildschirmzeit. Vielleicht geht es um etwas anderes – um die Dichte der Reize. Unsere Kindheit bestand oft aus langen Phasen ungestörter Konzentration: Hütten bauen, schnitzen, draußen spielen. Heute scheint Aufmerksamkeit viel häufiger zwischen kleinen Signalen hin und her zu springen.

Und während ich das schreibe, stehen vor mir wieder mehrere Bildschirme gleichzeitig.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese Frage inzwischen nicht mehr loslässt.

Ich frage mich manchmal, ob ich das nur so wahrnehme, weil ich aus einer anderen Zeit komme.

Wie erlebt ihr das?
Hat sich die Aufmerksamkeit von Kindern – oder vielleicht auch unsere eigene – in den letzten Jahren verändert?

 

Quellen:

1Associations Between Screen-Based Media Use and Brain White Matter Integrity in Preschool-Aged Children
Die Forscher untersuchten mit MRT-Scans die Gehirne von Vorschulkindern (3–5 Jahre). Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen höherer Bildschirmnutzung und einer geringeren strukturellen Integrität der weißen Substanz in Bereichen, die für Sprache und frühe Lese- und Schreibfähigkeiten wichtig sind.

2Screen-based media associated with structural differences in brains of young children
Kinder mit höherer Bildschirmzeit erzielten außerdem niedrigere Werte in Sprach- und Literacy-Tests.

3Policy addresses how to help parents manage young children’s media use
Die American Academy of Pediatrics weist darauf hin, dass übermäßige Bildschirmnutzung bei Kindern mit verschiedenen Entwicklungsproblemen in Verbindung gebracht wird.

4Viel Bewegung, wenig Bildschirm: die neue WHO-Empfehlung für Babys und Kleinkinder
Die World Health Organization (WHO) hat Empfehlungen zur Bildschirmzeit vor allem für Kinder unter 5 Jahren veröffentlicht. Diese sind Teil von Leitlinien zu Bewegung, Sitzen und Schlaf im 24-Stunden-Tagesablauf.


Hinweis: Dieser Beitrag ist eine persönliche Reflexion und keine wissenschaftliche Analyse.



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Interessant finde ich auch diesen Gedanken: Das Gehirn formt sich immer in der Umgebung, in der es aufwächst. Unsere Umgebung war Wald, Bolzplatz und Fahrräder. Heute sind es oft Displays, Apps und digitale Räume.

Vielleicht entstehen daraus einfach andere Formen von Aufmerksamkeit.

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