Der Unterschied: Nicht im Text, sondern im Lesen (3/3)

Nach zwei KI-Analysen blieb bei mir kein Ärger zurück. Keine Angst. Kein Gefühl von „Missverstandenwerden“. Es blieb etwas anderes: eine stille Klarheit. Je weniger ein Text behauptet, desto mehr Raum lässt er. Und je größer der Raum, desto stärker zeigt sich das Wesen des Lesenden. Das gilt für Menschen. Und es gilt für Maschinen.
Die KI hat meine Texte nicht „falsch“ gelesen. Sie hat sie anders gelesen. Nicht als Beobachtungen, die stehen bleiben dürfen, sondern als Material, das in einen Rahmen gehört. Als Stimulus, der eine Antwortstruktur auslösen muss: Zusammenfassung, Kritik, historischer Kontext, Gegenposition.
Damit wird der Text nicht nur gelesen, sondern verarbeitet.
Wenn ich die Ergebnisse als Resonanz betrachte, sehe ich drei Ebenen:
Die KI macht Unsichtbares sichtbar:
Sie zeigt, welche kulturellen Standardpfade an bestimmten Wörtern hängen. Das ist hilfreich. Es ist wie eine Landkarte: Nicht der Text selbst ist die Landschaft, aber er liegt in einem Gelände aus Deutungen, das jederzeit aktiviert werden kann.Sie reduziert Ambivalenz durch „Vernetzung“:
Offene Spannungen werden durch Kontext-Bögen beruhigt. Statt stehen zu lassen, wird eingeordnet. Das ist ein Unterschied zur Art, wie ich schreiben möchte: Nicht „Rauch bedeutet X“, sondern „Rauch kann in zwei Richtungen gelesen werden“.Sie schreibt Deutung als Objektivität:
Hier liegt die eigentliche Differenz. Nicht moralisch, sondern epistemisch. Menschen können, wenn sie wach sind, die eigene Deutung als subjektiven Akt markieren. „Für mich klingt das…“ „In mir löst das aus…“ Maschinen tun das selten. Sie sprechen, als wäre Deutung ein Bericht.
Wenn man das akzeptiert, wird klar: Die Grenze verläuft nicht entlang von „richtig/falsch“, sondern entlang von Haltung. Was will ich als Leser? Was will ich als Autor? Will ich Sinn produzieren oder Resonanz ermöglichen?
Meine Texte bewegen sich in einem Zwischenraum: Sie sind absichtlich nicht abschließend. Sie sollen nicht überzeugen. Sie sollen zeigen, dass etwas zugleich möglich ist: Wärme und Verbrauch. Leben und Verschleiß. Versorgung und Verlust. Deutung und Material.
KI-Systeme sind darauf trainiert, solche Zwischenräume produktiv zu schließen. Und darin liegt ihr Charakter. Es ist nicht Bosheit. Es ist Funktion.
Der interessanteste Nebeneffekt: Durch diese Analysen habe ich meinen eigenen Stil klarer erkannt. Ich schreibe nicht, um Welt zu erklären. Ich schreibe, um Lesbarkeit zu erzeugen – nicht von Lösungen, sondern von Spannungen.
Vielleicht kann man das als Schlussformel stehen lassen:
Nicht der Text ist eindeutig oder uneindeutig.
Eindeutig oder uneindeutig ist das Lesen.
Und manchmal, wenn man einer KI beim Deuten zusieht, lernt man weniger über Maschinen – als über sich selbst.
Mit diesen wenigen Worten könnte im Grunde dein Bericht über die Zusammenarbeit mit der KI betitelt werden. Es mag vielleicht etwas provokant klingen, doch schwirrt mir dabei konstant der Begriff »Glaubensbekenntnis« durch das Hinterstübchen. Dies verursacht eine große Menge an Tohuwabohu in der Schaltzentrale, da ich bereits meine Schwierigkeiten damit habe, mich dem Glauben an den gesunden Menschenverstand zu nähern. Kaum verwunderlich, dass dabei die restlichen Glaubensverirrungen auf der Strecke bleiben. So kann ich mich auch nur zögernd der These nähern, die KI mache Unsichtbares sichtbar. Ich könnte dem Besserwisser KI zutrauen, möglicherweise bislang Unbedachtes in den Fokus zu rücken. Das kann hilfreich sein, da man (wie es der Volksmund immer wieder betont) unmöglich an alles denken kann.
Diese(s) Bekundung (Wunschdenken) überfordert mich beispielsweise auf ganzer Linie. Egal, welche mathematischen und geometrischen Hilfsmittel ich meinen Überlegungen zur Seite stelle, mir gelingt es schlicht und einfach nicht, Sachbezüge auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Vielleicht bin ich auch nur zu simpel gestrickt? Zwei links, zwei rechts und dann eine Masche fallen lassen. 😉
Danke dir und ja: "nicht moralisch, sondern epistemisch" trifft den Kern tatsächlich sehr gut. Den Begriff "Glaubensbekenntnis" finde ich interessant, weil er genau den Punkt berührt: Viele Sätze über KI (und auch über uns Menschen) klingen schnell wie Gewissheiten, obwohl es eher um eine Haltung geht, nicht um Beweise. "KI macht Unsichtbares sichtbar" meinte ich deshalb nicht als Wahrheitsbehauptung, sondern als Möglichkeit: Sie legt manchmal Muster offen, die man im eigenen Denken übersieht - nicht weil sie "recht hat", sondern weil sie anders anschließt.
Und zur Ambivalenz: Du musst das nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Genau das ist für mich der Punkt. Wärme und Verbrauch gehören real zusammen, ohne dass sie sich versöhnen müssen. Ich versuche, dieses Gleichzeitige auszuhalten, nicht es zu lösen.
Deine Maschen-Metapher passt übrigens wunderbar. Manchmal entsteht Form nicht durch Vollständigkeit, sondern durch das, was man bewusst offen lässt. 😉
Wenn ich deine Reaktion verinnerliche, kann ich mich nicht von der Vorstellung lösen, als säßen wir im selben (nicht gleichen) Boot.
Mein Vorschlag: Schnick-Schnack-Schnuck – Wer gibt nun die Schlagzahl vor?
Ich schüttele gerade meine geballte Faust dreimal – und halte dir das Papier entgegen.
Wehe, du schneidest mich jetzt in Stücke … 😉
Ich sehe dein Papier 😄
Und ich erhöhe nicht die Schlagzahl – ich ändere nur den Takt: Schere.
Nicht gegen dich, sondern gegen die Gewissheit.
Im selben Boot, mit unterschiedlichem Rhythmus.
Gewonnen hat nicht der Wurf, sondern die Deutung.
Angelehnt an Peter Handke: »Die Angst des Ruderers vor dem Kreisverkehr.« 😀
My favorite author's book: [Literature] Johann Gottlieb Fichte: Facts of Consciousness 3/65