Wortfriedhof
Liebe Leser,
auch wenn es uns nicht gefällt, Sprache wandelt sich, das ist völlig normal (so wie sich auch das Klima wandelt, aber das ist eine andere Geschichte). Nur tote bzw. ausgestorbene Sprachen ändern sich nicht mehr (z.B. Latein, Sanskrit, einzige Ausnahme Hebräisch, das tot war und im 19.Jhd wiederbelebt wurde und sich seither wieder verändert). Die Änderungen können schneller oder langsamer sein, abhängig von z.B. geografischer Isolation oder historischen Umwälzungen (Kriege, Völkerwanderungen, etc.). Sprachwandel ist meist graduell und beginnt als Variation, bevor sich neue Formen durch- und die alten ersetzen.
Hier die wichtigsten Gründe für die Veränderungen von Sprachen:
Technologischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel: Neue Realitäten und Konzepte brauchen neue Bezeichnungen oder verändern bestehende Bedeutungen, veraltete Dinge verschwinden aus der Sprache, z.B. neu Smartphone, Internet, KI, Gendersternchen, Lockdown und viele andere coronabedingte Wortschöpfungen statt Telegraf, Kutscher, Walkman, Bandsalat, Fräulein, Eselsbank, Sommerfrische.
Jugendsprache findet z.T. Einklang in die Standardsprache, z.B. cringe, sus
Bedeutungswandel (oder -erweiterung) von Maus (Tier → Computermaus), Virus (Krankheit → Computervirus), Email (farbige Schutz- und Dekorschicht → E-Post)
Kontakt mit anderen Sprachen: dadurch werden Wörter, Laute oder ganze Strukturen übernommen. Z.B. Computer, Laptop, Baby, Job, Team aus dem Englischen,
Restaurant, Hotel, Büro, Friseur aus dem Französischen,
Piano, Pizza, Espresso, Oper, Tempo aus dem Italienischen oder
Yoghurt, Harem, Pascha, Horde, Dolmetscher aus dem Osmanischen
Englisch übernahm nach der normannischen Eroberung von 1066 massenhaft Wörter aus dem Französischen (beef, pork, government)
Sprachökonomie: Sprecher vereinfachen und verkürzen Formen, um schneller und mit weniger Mühe zu kommunizieren. Z.B. englisch going to → gonna, deutsch: in das → ins
Analogie: Unregelmäßige Formen werden an häufigere, regelmäßige Muster angeglichen. Z.B. englisch holp → helped, deutsch buk → backte (Angleichung an regelmäßige Verben wie machte), sich schneuzen → sich schnäuzen (seit 1996)
Lautwandelprozesse: Laute verändern sich systematisch, oft durch Artikulationserleichterung oder Assimilation, und können später das ganze System beeinflussen. Z.B. erste germanische Lautverschiebung: indogermanisch pater → deutsch Vater (p → f). zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung: Appel → Apfel, dat → das
(Ideologie: Zum Beispiel wenn krankhafte Feministen und deren "HandlangerInnen" versuchen, die Sprache mit pseudowissenschaftlicher Argumentation (Frauen wären durch das geschlechtsunabhängige generische Maskulinum benachteiligt🙄) zu verändern, also von oben herab zu verordnen (anders als die bisherigen Ursachen, die sich alle "von unten nach oben" etabliert haben). Eine solcherart künstlich veränderte Sprache soll die Kommunikation der Menschen im Sinne der woken Doktrin steuern. „Richtiges“ Schreiben und Sprechen soll richtiges Denken zur Folge haben und letztlich politisch unkorrekte Gedanken verunmöglichen (mangels geeigneter Ausdrücke dafür)).
Im Folgenden eine Liste an bereits ausgestorbenen deutschen Wörtern bzw. solchen, die vermutlich demnächst das Zeitliche segnen werden (zumindest in der gesprochenen Sprache, gelesen wird das eine oder andere durchaus noch lange). Die Auswahl der Wörter ist rein subjektiv. Wörter, die ich selbst schon gar nicht mehr kannte, habe ich großteils ausgespart:
abdingen: Etwas von jemandem durch Verhandlung erhalten ("ich habe es ihm abgedungen")
Ausbund: Inbegriff, Paradebeispiel ("Sie sind ein Ausbund an Höflichkeit"), hergeleitet von der früheren Praxis der Kaufleute, das beste Stück (den Ausbund) auszupacken und sichtbar zu präsentieren
ausfenstern: den Fensterlnden schmähend zurückweisen
auslogieren: ausquartieren
Aussteuer: Brautaustattung, Mitgift; Herleitung von "Ausstattung"
Buhle: Geliebte
Chaiselongue: "Faulbett", gepolstertes Liegemöbel mit Kopflehne
Coup d´Etat: Staatsstreich
darob: deswegen
dieweil: unterdessen
dünken: scheinen, vorkommen ("mich dünkt..."), reflexiv: sich für etwas Besseres halten (er dünkte sich weise)
Dünkel: Hochmut, Arroganz, Selbstüberschätzung
Erdpech: Asphalt
Erweis: Nachweis, Beweis (noch als Verb vorhanden ("es erwies sich"))
Fernsprecher: Telefon
finstern: dunkel werden ("es finsterte schon")
forthin: von nun an immer
Gesinde: Dienerschaft
grimmen: ärgern, mit Grimm erfüllen ("die Niederlage grimmte ihn")
Haderer: Lumpensammler
Hagestolz: Älterer, verschrobener bzw. kauziger, eingefleischter Junggeselle
heißa: Ausruf der Freude und Ermunterung ("heißa, jetzt geht´s los!")
inkommodieren: sich oder anderen Mühe machen, Umstände bereiten, belästigen
Kabale: Intrige
Kämpe: Krieger, tapferer Streiter
Kolonialwaren: Lebens- und Genussmittel (aus Übersee)
Kostgänger: Untermieter
Lichtspieltheater: Kino
ludern: ausschweifend, liederlich leben (als "Luder" noch in Verwendung)
lustwandeln: gemächlich spazierengehen
Maid: Mädchen, junge Frau
Maulschelle: Ohrfeige
Missetat: verwerfliche Tat
Mohr: ursprünglich eine Herkunftsbezeichnung ("aus Mauretanien kommend"), geächtet
Näscherei: Süßigkeit (noch als "naschen" erhalten)
Neger: früher normal und nicht diskriminierend, seit den 1990ern geächtet
Ottomane: gepolsterte Sitzbank ohne oder nur mit teilweiser Rückenlehne
Pennäler: Gymnasiast (von "Penne" als alter, abwertender Ausdruck für höhere Schule)
Richtbühne: (von Hinrichtung) Schafott
Rodomonteur: jemand, der rodomontiert; Aufschneider, Prahlhans
säumen: warten, aufschieben (erhalten noch im "versäumen", wenn man zu lange gesäumt hat)
Schnurre: kurze unterhaltsame Erzählung von einer spaßigen oder seltsamen Begebenheit
Schuldiener: Hausmeister einer Schule
Schwefelholz: Zündholz
Selbstbefleckung: Onanie
Sommerfrische: Erholsamer Aufenthalt im Sommer auf dem Land oder im Gebirge
Spülicht: Wasser zum Spülen von Geschirr oder zum Säubern der Wohnung
Strauchdieb: sich in Gebüschen versteckt haltender Dieb
Theomanie: religiöser Wahnsinn
Tingeltangel: seichte Unterhaltung, niveaulose Tanzmusik bzw. Lokal, in dem das geboten wird
Tor: einfältiger, unklug handelnder Mensch
Unband: sich nicht bändigen lassendes Kind
Unflat: ekelhafter Schmutz, Dreck (noch erhalten in "unflätig")
vermaledeit: verflixt, verflucht
Viktualien: Lebensmittel
walten: herrschen, gebieten ("Vorsicht walten lassen")
weiland: einst, früher
Wickelkind: Baby
Witz: Scharfsinn, Klugheit, Findigkeit (im Aberwitz, Irr- und Wahnwitzigen ist die ursprüngliche Bedeutung von Witz noch erkennbar)
Zehrung: Nahrung, Proviant (noch als Verb "verzehren" erhalten)
Zeidler: Imker
Zigeuner: weitgehend durch Sinti und Roma ersetzt
Zucht: Disziplinierung, (strenge) Erziehung, oft mit "Züchtigung" einhergehend ("es herrschten Zucht und Ordnung")
Verwandte Posts:
Wienerisch - ein aussterbender Dialekt
Ausgestorbene Berufe
Vergessene Gesten
Ein Benimm-Ratgeber aus den 1970ern
Österreichisches Schimpfwörterbuch
Quelle:

Erhältlich im Buchhandel
Besten Dank für das geistreiche Auffüllen der Badewanne (des Zubers), in die ich mit Wonne eintauchen kann. Beim regelmäßigen Stöbern im Antiquariat, inmitten der Zagreber Altstadt, finde ich regelmäßig noch gebundene Exemplare (inkl. Stempel aus der k. u. k. Bibliothek), die mir eindrucksvoll vor Augen führen, wie sehr sich unsere Sprache (mitsamt der Orthografie) verändert hat. Nicht grundsätzlich zu ihrem Vorteil, muss ich eingestehen. Auch ein Grund, weshalb diese unsägliche Gendersprache bis ans Ende ihrer Existenz sich vergeblich an meiner kalten Schulter abarbeiten darf.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich nun der aufgefüllten Wanne noch einen Schuss Selbstlob beifügen darf, aber (und da bin ich ziemlich stolz drauf) neunzig Prozent der von dir alphabetisch aufgelisteten Begriffe können in meinem Wörtersee noch immer geangelt werden.
Mir Saarfranzose brauche soe Quatsch nidd. Bei uns langt "unn" unn "unn sonschd" fier e ganse Lewensgeschicht se verkerschpere. Dajeh: "Unn?"
Wo de Maischder rescht hat, do hatta rescht! Mir brauche net so viel Geschwätz ums Wieso, Warum awwer aach, unn das dusselische Weshalb: Mir hann ääwe immer de Plaan im Sack. Domit simma aarisch sefiede.
Schöner Artikel.
Über die Liste mag man trefflich streiten, aber wir sind uns bestimmt einig darin, dass die Eselsbank unbedingt ein Comeback braucht, vor allen Dingen für diejenigen, die unsere schöne Sprache mit Gendersternchen verhunzen.
Mein Lieblingswort, den "Rodomonteur" kannte ich noch nicht. Genial: "Herr Merz, Sie sind ein Rodomonteur!" - now sue me. Den Rest der Liste hingegen schon, was mir mal wieder vor Augen führt, was für ein alter Knochen ich doch bin. Wenigstens bin ich noch mit guten Büchern aufgewachsen.
Einen Fehler hast Du übrigens: Email ist und bleibt Email (oder Emaille), auch wenn Le Creuset neuerdings was von "Antihaftbeschichtung" fabuliert. Die elektronische Post hingegen wird mit Bindestrich geschrieben, also "E-Mail".
LG - Folker
Danke, ich bilde mir ein, E-Mail auch öfter schon in einem gelesen zu haben, aber stimmt, offiziell schreibt man es mit Bindestrich.
Ich glaube nicht dass Marcel Duchamp E-Mail meinte Apolinere Enamelled

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Einen früheren Post musste ich nochmal ansehen: Wienerisch - ein aussterbender Dialekt. Dazu habe ich ein kleines Buch, wahrscheinlich von meiner Mutter 'geerbt' aus dem Jahre 1929 zuerst erschienen, Nachdruck 5. Auflage 1972: Wörterbuch des Wiener Dialektes - Julius Jakob. Zwar erhältlich online auf E-Bay 1980 Ausgabe, aber kein PDF. 243 Seiten. Das wäre machbar, aber für das habe ich heutzutage keine Zeit.
Aber wenn ich KI ärgern will, nehme ich es zur Hand und schreibe Prompts auf Wienerisch, suche aber nach Wörter die ich selber nie kannte - es ist lustig zu sehen wie KI darauf reagiert und zum halluzinieren anfängt - mehr so als wenn man DadDa Poetrie verwendet.
Hab einmal das Kochbuch von Franz Ruhm, 'Perlen der Wiener Küche' auf Flickr eingestellt, aber das war vor längerer Zeit, uploaded 2019.
Nur so zum Spass, als Illustration über obig erwähnter DaDa Poetrie, KI generiert:
Prompt dazu hab ich mir aus den Fingern gesaugt, in echtem DaDa Stil, in Anlehnung an Hugo Ball: Gadji Beri Bimba
So einige deiner Wörter, zusammengewürfelt, könnten ebenfalls als DaDa Poesie mit KI erstellt werden.
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