Wiens schönste Müllverbrennungsanlage
Liebe Müll-Produzenten,
wer in Wien zum ersten Mal mit der U4 oder U6 an der Station Spittelau vorbeikommt, trifft auf ein überrasched buntes Gebäude, das so gar nicht nach Industrieanlage aussieht — Türme, goldene Kugeln, unregelmäßige Fassaden in Gelb, Blau und Rot und Bäume am Dach. Man könnte meinen, hier wurde ein weiteres Hundertwasserhaus errichtet. Was sich dahinter verbirgt, ist eine ganz gewöhnliche Müllverbrennungsanlage — oder doch nicht so gewöhnlich.
Blick vom Norden, von der Heiligenstädterbrücke über den Donaukanal.

Die beiden Türme rechts im Hintergrund gehören zum AKH, einem der größten Spitäler Europas, für deren Energieversorgung die ca. 2km entfernte Spittelau erst gebaut wurde.
Von der nüchternen Zweckanlage zum Wahrzeichen
Die Anlage, offiziell "Thermische Abfallbehandlung Spittelau" genannt, wurde 1969-1971 von Simmering-Graz-Pauker errichtet, ein schlichter Industriebau, der seinen Zweck erfüllte und weiter nichts. 1987 zerstörte ein Brand große Teile der Anlage. Statt sie abzureißen, entschied die Stadt Wien, sie neu aufzubauen — und dabei etwas Außergewöhnliches zu wagen. Der Beharrlichkeit des damaligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk (dessen Porträt heute im Stadtsenats-Sitzungssaal des Rathauses hängt) ist es zu verdanken, dass Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser die Umgestaltung übernahm (1988-1992).
Denn Hundertwasser war zuerst alles andere als begeistert: Er lehnte das Projekt aus ökologischen Gründen ab — er wollte nicht etwas verschönern, das der Natur schadet. Letztendlich stimmte er unter drei Bedingungen zu: modernste Filteranlagen, niemand sollte sich in seine Pläne einmischen, und er arbeitete unentgeltlich. So konnte niemand ihn beschuldigen, an einem „schmutzigen" Thema zu verdienen.
Der Vergleich vorher-nachher aus einem Video, das vor der eigentlichen Führung gezeigt wird.

Hier werden täglich (montags bis freitags) von rund 200 Müllwägen ca. 670 Tonnen Hausmüll abgeladen, im Jahr summiert sich das auf rund 250.000 Tonnen! Ein unangenehmer Geruch liegt in der Luft, aber das war klar bei so viel Müll🤕.

Um die Ecke (am oberen Foto nicht zu sehen, hinter dem weißen PKW rechts) ein kurioses kleines Häuschen - ein WC für die Müllwagenfahrer 😄!

Wie funktioniert moderne Müllverbrennung?
Der Müll landet in einem riesigen Sammelbecken, "Bunker" genannt. Die Besucher sind zum Glück durch Glasscheiben vom Müllberg getrennt. Oben erkennt man die zwei Öffnungen (die linke ist großteils nicht zu sehen), durch die der Müll mit zwei riesigen Polypenkränen, manuell gesteuert, aus dem Bunker in die zwei Heizkessel befördert wird. Die laufen 24/7. Nur einmal im Jahr wird ausgeschaltet für die jährliche Wartung.


Die Kräne verfrachten den Müll nicht nur in die Heizkessel, sondern packen immer wieder Müll und lassen ihn wieder los. Kein Versehen, sondern Absicht. Nur so kann gewährleistet werden, dass größere Gegenstände wie Fahrräder vorher erkannt und aussortiert werden. Die würden nämlich sonst die Einlasstricher der Kessel verstopfen. Alles, was nicht aussortiert wird, landet in den Heizkesseln und wird mind. 1h bei 850 Grad C. verbrannt, was angeblich die allermeisten Giftstoffe zerstört.
Teil der Heizkesselanlage. In die anderen Bereiche der Anlage (Turbinen, Fernkälteerzeugung, etc.) konnte man leider nicht gelangen.

Und nach der Verbrennung? Es entstehen dabei ca. 20% Schlacke und 2,5% Asche, d.h. ja 200kg und 25kg pro Tonne Hausmüll. Die Schlacke und die Asche werden mit Wasser und Zement gebunden zu Schlackenzement (im Bild unten). Der ist ziemlich inert und kann für Straßenfundamentierungen genutzt werden.

Was natürlich noch entsteht, sind die flüchtigen Verbrennungsprodukte, also die Abgase. Die werden zuerst durch (teure, aber wieder verwendbare) Gewebefilter geleitet, siehe die Röhre im unteren Bild. Danach kommt eine sog. Rauchgaswäsche, bei der die übrigen Partikel, auch Feinstaub, in Wasser gebunden werden. Das Wasser wird gereinigt und dem Kreislauf wieder zugeführt. Die heißen Abgase werden für Fernwärme genutzt. Am Schluss durchlaufen die Abgase noch eine katalytische DeNOx-Anlage zum Abbau von Dioxinen und Stickoxiden (die "Entstickung" gibt es seit 1991 in dieser Form und war damals weltweit eine der ersten). Der Rest gelangt über den Schlot in die Luft.
Angeblich ist das, was dort oben rauskommt, sauberer als die Luft ringsherum auf Straßenniveau (also das, was wir tagtäglich einatmen), da z.B. der allgegenwärtige Feinstaub (Gummiabrieb von Fahrzeugen, Hausbrand, etc.) nicht mehr enthalten ist!

Übrig nach der Abgasbehandlung bleibt ein hochgiftiger, schwermetallreicher Filterkuchen - 0,1% des Mülls (1kg pro Tonne). Der wird in einer Spezialdeponie in Deutschland endgelagert, im stillgelegten Salzbergwerk Heilbronn - dort lagern bereits 160.000 Tonnen Müllrückstände aus Wien!
Mit der Wärme aus der Verbrennung werden ca. 60.000 Wiener Haushalte mit Energie versorgt (inkl. Warmwasser) und ca. 50.000 Wiener Haushalte mit Strom. Seit 2009 wird hier auch Fernkälte produziert.
Nicht ganz so bekannt: In der Spittelau lässt die Polizei mehrmals wöchentlich Schmuggelware vernichten — Zigaretten, Cannabis und Kokain gehen so in Fernwärme über (Quelle).
Das Gebäude
Westfassade. Rund um die Fenster sind oft Ausmalungen in der Größe einer Armlänge - Hunderwasser nannte das "Fensterrecht".

Der 126m hohe Abgasschlot. Die große goldene Kugel (die eigentlich eine Zwiebel darstellt!) ist vor allem dekorativ, es gibt dort keine Aussichtsplattform oder ein Kaffeehaus (was genial wäre), nur eine Messstation zur Abgasmessung. Die Abgaswerte kann man hier einsehen.

Unter dem obersten goldenen Ring sind Löcher zu erkennen. Dort nisten Turmfalken!

Auf einem der begrünten Dächer. Vor ein paar Jahren mussten die Bäumen (nach 35 Jahren) gefällt werden und durch kleinere ersetzt werden, da die Statik sonst gefährdet gewesen wäre.

Das Verwaltungsgebäude neben der Verbrennungsanlage wurde ebenfalls verziert, mit Kugeln, roten "Lebensadern" und dem obligatorischen begrünten Dach.

Das Kapperl

Eine der amüsantesten Geschichten rund um die Spittelau betrifft das auffällige Metallkapperl auf einem Lüftungsschacht. Um diesen entbrannte eine Diskussion, wie er am besten dekoriert werden könnte (eine Kugel wäre zu groß). Als man sich partout nicht einigen konnte, verlor Hundertwasser die Geduld und verließ zornig die Runde mit den Worten „Ich hau den Hut drauf!" — eine österreichischen Redewendung für Aufgeben. Die Bauherren nahmen ihn beim Wort und ergänzten die Anlage tatsächlich um besagtes Kapperl, für das Hundertwasser berühmt war, weil er es fast immer trug (er hatte es selbst genäht, denn er war auch ein guter Schneider).

Links im Hintergrund der Kahlenberg.
Blick vom Dach über den Donaukanal auf die Brigittenau (20. Bezirk Wiens). Man sieht rechts der Bildmitte 2 der insg. 6 Flak-Türme (ziemlich genau in deren Mitte weiter hinten das Riesenrad). Rechts vom rechten Flakturm sind die beiden 200m hohen Schlote des Kraftwerks Simmering zu sehen, des größten Kraftwerks Österreichs, das bei Vollast 50% der Wiener Haushalte mit Strom versorgen kann. Aber das ist eine andere Geschichte...

Am besten ist natürlich Abfallvermeidung! Je weniger Hausmüll entsteht, umso weniger davon muss aufwendig entsorgt werden!
Zuletzt noch eine Frage: Wohin mit Pizzakartons, Restmüll oder Altpapier? Was meint Ihr?
all pics by @stayoutoftherz
Fernwärme Wien — Spittelau
Adresse: Spittelauer Lände 45, 1090 Wien
Erreichbarkeit: U4/U6 Station Spittelau
Führungen (gratis): online anmelden via wienenergie.at
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