Geschichte der Medizin - das Josephinum

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Liebe Leser,

nichts für schwache Nerven ist die Ausstellung der josephinischen Wachsmoulagen aus den 1780er Jahren, die ich unlängst besucht hatte. Diese weltweit einzigartige Sammlung hat wie durch ein Wunder 250 Jahre nahezu unbeschadet überstanden und ist heute noch an der gleichen Stelle zu sehen, an der sie damals ausgestellt wurde, und in den originalen Vitrinen.

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Oberitalien war um 1770 das Zentrum der Wachsmodellierkunst zum Zweck der medizinischen Ausbildung. Bei einer Reise nach Florenz 1769 war Kaiser Joseph II. (Sohn und Nachfolger von Maria Theresia) ganz begeistert von den Wachsmodellen im naturwissenschaftlichen Museum La Specola, die sein Bruder, der Großherzog der Toskana, hatte anfertigen lassen. In Folge bestellte er (für 30.000 Gulden) insgesamt 1192 Modelle für die neu gegründete Akademie in Wien. Diese Institution (an der heutigen Währinger Straße 25) war von ihm 1784 gegründet worden als "k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Academie" vor allem zur Ausbildung von Ärzten für die Armee.

Im Vorgarten eine Statue der Hygieia, Göttin der Heilkunde, aus 1787. Das Gebäude wurde 2019 für ca. 11 Mio.€ saniert. Es gibt auch heute einen Hörsaal und eine Bibliothek, wie schon zu Joseph´s Zeiten. Neben dem medizinhistorischen Museum wird das Gebäude für Veranstaltungen genutzt.
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Sechs Jahre lang arbeiteten die Anatomen in Florenz am Auftrag des Kaisers. 1784 wurden die ersten fertigen Objekte, zerlegt und verpackt, mit Maultieren von Florenz über den Brenner bis zur Donau gebracht und von Linz nach Wien verschifft.
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Sie waren ein Meilenstein der medizinischen Lehre - fortschrittlich, praktisch und auch ästhetisch hochwertig. Davor hatten man vor allem Leichenpräparate studiert, doch die waren knapp, teuer und schwer haltbar. Die Wachsmodelle gelten für die damaligen Verhältnisse als äußerst realistisch.

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Am bekanntesten wohl die 3 Vitrinen mit liegenden jungen Frauen darin, eine sogar mit einer Perlenkette, ein etwas surriles Detail.
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Bei den vielen Objekten sind jeweils verschiedene Gewebeschichten zu sehen, z.B. Gefäße oder Nerven.
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Andere Objekte haben die Muskulatur im Fokus.
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Im Organmorphologieteil der "modernen" Medizinausbildung werden dagegen wieder formalingetränkte Leichen verwendet, die nicht so farbecht sind wie die Wachsmodelle. Dafür haben sie den Vorteil, dass die Studenten - learning by doing - selber die Körperspenden sezieren und die einzelnen Gefäße freilegen. Das ist deutlich instruktiver als blosses Betrachten. Wie das in der Praxis aussieht, kann man sich hier ansehen: https://www.youtube.com/@AnatomieInnsbruck.

Seltsam für eine Ausbildung für Militärärzte: Ein eigener Raum allein für Moulagen der Geburtshilfe mit allen möglichen Stellungen eines Fötus im Mutterleib und Beispielen mit Geburtszangen.
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Die Vitrinen aus Rosenholz und venezianischem Glas ließen sich ursprünglich öffnen und die Objekte dadurch auch genauer begutachten (heute ist das Berühren der Vitrinen aber verboten). Über den einzelnen Vitrinen befanden sich mit einem Raster und Ziffern versehenen Zeichnungen zu den Modellen. Zusätzlich lagen in den darunter befindlichen Schubladen die Erklärungen in den Sprachen Italienisch und Latein, tw. mit Übersetzungen in Deutsch, hier ein Beispiel:
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Die Modelle dienten nicht nur als Anschauungsmaterial für auszubildende Militärärzte und Chirurgen, sondern waren auch (zumindest zeitweise) für die Öffentlichkeit zu sehen – um den Aufbau des menschlichen Körpers zu vermitteln. Joseph II. setzte sich im Sinne der Aufklärung sehr für eine bessere Bildung der Menschen ein.

Daneben bietet das Museum auch viele andere Exponate aus der Medizingeschichte, wie hier diese beeindruckende Sammlung von Gallen- und Harnsteinen, gesammelt von 1906 bis 1938.
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Gemälde aus 1909 einer gynäkologischen Operation, durchgeführt von Ernst Wertheim, der ab 1910 die II. Universitätsfrauenklinik Wien leitete. Er entwickelte eine Operation des Cervixkarzinoms über einen Bauchschnitt. Trotzdem starben dabei bis zu 74% der Patientinnen.
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Bereits ins Museum geschafft hat es Corona! Hier der "grüne Pass" mit einem Hinweis auf Fälschungen. Der Name ist ironisch und sehr passend!
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Der Begleittext dieses Exponats (habe leider kein Foto davon) enthält den Hinweis darauf, dass es damals einen Mangel an Masken gab und Fälle dokumentiert waren, wo Masken aus China importiert und als "Made in Austria" umetikettiert worden waren. Das war noch vor dem Umstieg auf die unseligen FFP2-Masken, die dann zum "Goldstandard" wurden (zumindest in Öst. und Bayern).
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all pics by @stayoutoftherz

Wo?
Josephinum
Währinger Strasse 25, 1090 Wien
Ticket: 15€

Wann?
Mi., Fr., Sa. 10 - 18h, Do. 10 - 20h

Quellen:
https://www.josephinum.ac.at/sammlungen/detail/wachsmodelle/
https://de.wikipedia.org/wiki/Josephinum_(Wien)

Verwandte Posts:
Geschichte der Impfungen

PS:

Wer seinen eigenen Körper künftigen Medizinstudenten zur Ausbildung überlassen möchte (und im Raum Wien wohnt), kann sich hier informieren:
https://anatomie-zellbiologie.meduniwien.ac.at/koerperspende/
Ich würde aber abraten, da nicht alle Medizinstudenten respektvoll mit den Körperspenden umgehen (weiß ich aus verlässlicher Quelle)!



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16 comments
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Great way to learn anatomy! Well they are very realistic! But probably easier to deal compared to a real corpse hehe

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Die Wachsmodelle gelten für die damaligen Verhältnisse als äußerst realistisch.

Ich bin einfach schockiert, dass es damals so meisterhafte Handwerker gab. Es sieht sehr professionell aus!

Ein sehr interessanter und informativer Beitrag — solche Posts sollte es auf Hive viel mehr geben.
Schade, dass ich wegen fehlender Energie nicht abstimmen kann — ich werde später voten!

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Wie wunderbar, dass diese Stücke 250 Jahre überdauert haben. Es ist beeindruckend, dass Joseph II. die Weitsicht besaß, fast 1.200 Modelle auf Maultieren aus Florenz heranzuschaffen. Es beeindruckt mich auch, wie sie versuchten, das Studium der Anatomie „schön“ und nicht nur zweckmäßig zu gestalten.

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Gruesome pictures :)

Diese Institution (an der heutigen Währinger Straße 25) war von ihm 1784 gegründet worden als "k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Academie" vor allem zur Ausbildung von Ärzten für die Armee.

Interesting that advances in medicine often came because of war. Marie Curie used her x-ray ambulettes on the battlefield in WWI. The U. S. developed the flu vaccine at the beginning of WWII to protect the forces from a devastating flu epidemic (as had happened in WWI). Even surgical techniques were perfected when operating on injured soldiers.

All the harm wars have brought to the world, this is one effect we forget about :)

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Incredible exhibit! And what a genius initiative it was to invest in such a progressive endeavor. I wonder if the church had any opposition to it...

The girl with the neckless is indeed a surreal touch.

The YT link you posted with real dissection - is crazy - I never knew YT would allow such content. But I appreciate it existing.

I also visited the "BODIES" exhibit many years ago... it was part of my curiosity as an artist, and I was also struggling with anxiety about mortality, so I forced my to be exposed to it in order to understand my own experience. It didn't really help lol.

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Die Philippinen sind eine Diktatur, deswegen ist davon abzuraten, dorthin zu reisen (man kann nämlich legal verhaftet werden, ohne eine Straftat begangen zu haben. Und als Reisender darf man sich nicht freikaufen. Daß die Gerichtsprozesse dort sehr lange dauern, wirst Du sicher schon wissen. Viel Spaß – 1–10 Jahre unschuldig im Knast). Hier gibt es ein bißchen Hintergrundwissen: [Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe 19/128

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Greetings from Bangladesh! As a journalist, I am always fascinated by history and science, but this anatomical model from the Josephinum is truly mind-blowing. The level of detail in the veins and muscles is both eerie and incredible. Is this model made of wax? Thank you for sharing such a unique piece of medical history with us on Hive!

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Yes, made of wax, and there is not one, but dozens.

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Thank you so much for confirming! It's truly amazing how they created such detailed wax models for medical study back then. I hope to visit the Josephinum in Vienna someday to see them with my own eyes. Best regards from Bangladesh!

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Artists used to disect corpses to study anatomy. You may find this article interesting:

When artists dissected corpses (and anticipated science)

Leonardo da Vinci, Cardiovascular System and Organs of the Female Torso (“The Great Lady”) (1509-1510; black and red stone, pen and ink, yellow watercolor, on toned and openwork paper, 476 x 332 mm; Windsor, Royal Collection, inv. RCIN 912281)

Théodore Géricault was using corpses also Severed Heads
But the big story was his masterpiece:

The Raft of the Medusa
quote: "To create a more convincing and realistic scene of suffering, Géricault studied anatomy, attended public executions, and visited morgues and hospitals. Bribing assistants in morgues, he even brought body parts like severed heads and legs into his studio to observe their decay. Thankfully, these naturalistic details did not make it into the painting. Géricault’s contemporaries complained that the artist’s studio emitted a horrible, putrid smell that made everyone sick—everyone except Géricault, who was too immersed in his work to even notice."

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Faszinierend, dass sie seit 250 Jahren originalgetreu erhalten sind!

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