Das Rosenhan-Experiment

avatar
(Edited)

Liebe Leser!

Wie kann man Gesunde von geistig Kranken unterscheiden? Gibt es einen "Turing-Test" für das Feststellen von geistiger Gesundheit? David Rosenhan simulierte, krank zu sein und ließ sich selbst psychiatrieren - und wurde danach auch wie ein Kranker behandelt!

Das damals einflußreiche und ziemlich verrückte Rosenhan-Experiment beschäftigte sich mit der Frage, wie zuverlässig und vorurteilsfrei die Diagnostik in der Psychiatrie ist. Es wurde durchgeführt zwischen 1968 und 1972, 1973 hatte es Rosenhan in "Science" veröffentlicht1 unter dem Titel "On Being Sane in Insane Places".

image.png
https://www.economist.com/books-and-arts/2020/01/09/the-psychologist-who-pretended-to-be-insane

Das Experiment

Der charismatische David Rosenhan, Professor für Psychologie an der Stanford University, beliebt bei seinen Studenten, und acht weitere Personen (darunter Psychologen, ein Psychiater, ein Kinderarzt, ein Maler, ein Psychologiestudent und eine Hausfrau) - alle soweit geistig völlig normal - begaben sich unter falschen Namen in verschiedene psychiatrische Kliniken in den USA. Er hatte mit sich selbst begonnen und danach schrittweise andere Versuchsteilnehmer dazu überredet, mitzumachen. Sie alle simulierten bei der Aufnahme psychotische Symptome, indem sie angaben, Stimmen zu hören, die die Wörter "empty" (leer), "hollow" (hohl) und "thud" (dumpfer Schlag) sagten – Symptome, die in der psychiatrischen Literatur nicht vorkamen und bewusst vage gewählt waren. Die Teilnehmer bereiteten sich vor, indem sie sich mehrere Tage nicht wuschen, nicht rasierten und schmutzige Kleidung trugen, um authentisch zu wirken. Sie vereinbarten Termine telefonisch und ließen sich vor den Kliniken absetzen.
Sobald sie eingewiesen wurden, hörten sie sofort auf, Symptome zu zeigen, und verhielten sich vollständig normal (einige waren aber anfangs nervös und gestresst, weil sie vermuteten, ihr Schwindel würde auffliegen). Ihr Ziel war es, durch kooperatives und normales Verhalten ihre Entlassung zu erreichen. Sie protokollierten heimlich Ereignisse in den Kliniken und fragten das Personal nach Ausgangsrechten oder Entlassungsterminen (was oft ignoriert wurde), verhielten sich aber ansonsten mustergültig. Verordnete Medikamente nahmen sie allerdings nicht ein, sondern entsorgten sie unauffällig (Rosenhan hatte sie instruiert, wie das am besten ging). Die Kliniken wussten nichts von der Täuschung. Die Teilnehmer mussten sich selbst "herausreden", da kein externes Eingreifen geplant war (es gab angeblich eine anwaltliche Möglichkeit, eine Entlassung zu erzwingen, aber dazu war es nicht gekommen).

Alle acht Teilnehmer wurden als psychisch krank eingestuft und eingewiesen: Bei sieben wurde Schizophrenie diagnostiziert, bei einer Person eine manisch-depressive Psychose. Keiner wurde als gesund erkannt und es gab bei keinem dokumentierte Anzeichen vom Verdacht einer Simulation. Die Aufenthaltsdauer betrug durchschnittlich 19 Tage (von 7 bis 52 Tagen), und sie wurden meist mit der Diagnose "Schizophrenie in Remission" entlassen – was implizierte, dass die Krankheit weiterhin bestand, nur symptomfrei war. Insgesamt wurden ihnen über 2.100 Tabletten verabreicht (meist sedierende). Andere Patienten in den Kliniken durchschauten die Täuschung häufig und hielten die Pseudopatienten für Journalisten oder Professoren (aufgrund des häufigen Schreibens von Notizen), während das Personal sie als krank wahrnahm. Normale Verhaltensweisen, wie das Notieren von Beobachtungen, wurden als pathologisch interpretiert (z. B. "pathologisches Schreibverhalten"). Das Personal interagierte selten persönlich mit den Patienten und ignorierte viele Fragen.

Im einem spontanen Folge-Experiment informierte Rosenhan eine Klinik, die zuvor beteiligt gewesen war (und nach der Science-Publikation, die für Aufsehen gesorgt hatte, beweisen wollte, Gesunde sehr wohl von Kranken unterscheiden zu können), dass in den nächsten Monaten Pseudopatienten (gesunde Personen, die Symptome vortäuschen) eintreffen würden. Die Klinik sollte potenzielle Pseudopatienten identifizieren. Die so vorgewarnte Klinik identifizierte von 193 neu aufgenommenen Patienten 19 als mögliche Pseudopatienten. Tatsächlich hatte Rosenhan aber niemanden geschickt. Dies zeigte eine umgekehrte Voreingenommenheit - die Erwartung führte zu Fehldiagnosen.

Das Experiment enthüllte somit erhebliche Schwächen in der psychiatrischen Diagnostik und Behandlung der 1960er/1970er Jahre. Es zeigte, dass Diagnosen hochgradig subjektiv und unzuverlässig sein können: Gesunde Personen wurden als krank klassifiziert, und einmal gestellte Diagnosen prägten alle weiteren Beobachtungen (z. B. normales Verhalten wurde als Symptom der Krankheit umgedeutet). Es kam zu negativer Voreingenommenheit (confirmation bias) bei Klinikern. Zudem illustrierte es Dehumanisierung in Kliniken: Patienten wurden entpersonalisiert, ihre Rechte eingeschränkt, und echte Interaktionen mit dem Klinikpersonal waren oft nur minimal. Die Studie kritisierte die Machtdynamik in psychiatrischen Einrichtungen und die Stigmatisierung durch Diagnosen wie Schizophrenie, die als prinzipiell irreversibel galten.

Die Folgen

Die Ergebnisse des Experiments lösten eine rege Diskussion unter den Pychiatern und Psychologen, aber auch in der Öffentlichkeit aus und trugen zu späteren Reformen bei, wie der Überarbeitung des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) mit klareren Kriterien für evidenzbasierte Diagnosen, die dadurch weniger subjektiv wurden und es kam generell zu einer Sensibilisierung für Patientenrechte. Auch wurden einige größere Anstalten zugunsten ambulanter Behandlungen geschlossen. Diese "Deinstitutionalisierung" hat zwar Anstalten und somit die Machtdynamiken darin reduziert, aber zu neuen Herausforderungen geführt, wie unzureichender ambulanter Versorgung und Obdachlosigkeit unter Betroffenen. Das alles ist vor allem in den USA passiert, hierzulande war und ist die ambulante Versorgung weit besser gelöst.
(Bei uns gibt es dafür komplett andere Probleme, nämlich psychiatrische Diagnosen als Entschuldigung für gewaltaffine Personen, da man mit purer Gewalt und bösartigem Charakter offenbar nicht anders umgehen kann, aber das nur am Rande.)

Der Betrug

Jahrzehnte später stellte sich aber heraus, vor allem durch die Nachforschungen2 der Enthüllungsjournalistin (ja, so etwas gibt es noch in anderen Ländern!) Susannah Cahalan, dass in der Studie Einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen war. 2019 hatte sie darüber ein Buch geschrieben:
image.png
https://www.susannahcahalan.com/the-great-pretender

Z.B. war in der Original-Kankenakte von Rosenhans Psychiatrie-Aufenthalt zu lesen, dass dieser - entgegen der Darstellung im Science-Artikel - bei Befragungen teilweise Antworten gab, die auf mögliche Suizidalität schließen ließen, was die Arbeit krass verfälscht, denn die Pseudopatienten sollten sich ja völlig normal verhalten. Einer der Teilnehmer war von der Studie ausgeschlossen worden. Es war der Psychologiestudent Harry Lando, und seine Erfahrungen deckten sich so gar nicht mit denen der anderen Pseudopatienten. Er hatte von einer offenen, fürsorglichen und warmherzigen Atmosphäre in seiner Klinik berichtet2. Dieser Bericht passte wohl nicht in das Narrativ, das Rosenhan vermitteln wollte und so wurde er mit der fadenscheinigen Begründung, dass Lando Teile seiner Anamnese fabriziert hätte, ausgeschlossen.
Die angeblichen 2100 Tabletten (in einem späteren Interview hatte Rosenhan sogar 5000 angegeben!) würden bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 19 Tagen und 8 Patienten ca. 13 Tabletten pro Tag ausmachen - eine ungewöhnliche Zahl bei Patienten ohne Symptome! Auch konnte Cahalan ausser 2 Pseudopatienten keinen einzigen weiteren aufspüren, trotz größter Anstrengungen und mehrfacher öffentlichkeitswirsamer Aufrufe. Die Vermutung liegt im Raum, dass Rosenhan zumindest einige Versuchsteilnehmer einfach erfunden hatte (es wäre nicht das erste Mal in der Wissenschaftsgeschichte). Dafür spricht, dass Harry Lando, obwohl er von der Studie ausgeschlossen war, kleine Bruchstücke seiner Beobachtungen im Science-Artikel vorfand. Warum hätte Rosenhan das tun sollen, wenn er doch genug Material von 7 anderen Personen hatte?
Cahalan´s Theorie: Als Rosenhan Daten über sich selbst und die Pseudopatienten 2 und 3 (Bill Underwood und Harry Lando) bei einer Konferenz 1970 präsentiert hatte, bei der auch ein Science-Redakteur anwesend war, könnte dieser ihn ermutigt haben, noch mehr Patienten einzuschliessen und Science würde es dann publizieren. Es war aber offenbar sehr schwierig, Freiwillige zu finden, die sich selbst für eine unbekannte Zeit einweisen liessen und so könnte Rosenhan Teile seiner Daten erfunden haben. Da er die Krankenakten nie offengelegt hatte, wird sich die Wahrheit wohl nie aufklären lassen, Rosenhan starb 2012 und erlebte die Kritik an seiner Studie nicht mehr.

Die Moral

Ist es legitim, Gutes zu tun, in dem man eine im Kern wahre Botschaft mit Lügen aufbläst, um sie publizieren zu können? Es war klar, dass Rosenhan eine vorgefasste Meinung zu dem Thema hatte, was ironisch ist, denn genau das warf er den Klinikern selbst vor. Er wollte dieses Ergebnis, also bog er es zurecht (indem er einen Teilnehmer ausschloss, der Gegenteiliges berichtet hatte und über sich selbst log).
Die Studie hatte die Psychiatrie in den 1970ern ein gutes Stück verbessern können, aber meiner Meinung nach hatte Rosenhan dadurch die wissenschafliche Methode und sich selbst diskreditiert und damit einen zu hohen Preis gezahlt. Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Wenn nicht einmal in der Wissenschaft versucht wird, objektiv zu sein, sind Katastrophen früher oder später vorprogrammiert (Beispiele in der Geschichte gibt es genug dafür, man braucht dafür gar nicht lange suchen, die Covid-Massen"impfungen" wären gar nicht passiert, wenn die klinische Erforschung dieser Gentherapien nicht aufgrund des politischen Drucks massiv abgekürzt worden wäre).

Was meint Ihr dazu?

Quellen:
(1) https://web.archive.org/web/20070107073636/http://www.scottsdalecc.edu/ricker/pests/online_articles/Rosenhan1975.pdf
(2) https://www.sciencehistory.org/stories/distillations-pod/the-fraud-that-transformed-psychiatry/



0
0
0.000
22 comments
avatar

It's so great to read such interesting articles! Thank you for sharing such an excellent reflection!

0
0
0.000
avatar

Auch so kann man über das Kuckucksnest fliegen! 😉

Rockefeller-Schulmedizin halt!

Fehlerhinweise: Du verwendest drei Schreibweisen, "Rosenhan", "Rosenham" und "Rosenheim". Und ich würde nicht "Massenimpfungen" und "Impfstoffe" schreiben, da es ja keine Impfungen waren, was du glaub ich früher auch schon so geäußert hast.

0
0
0.000
avatar

Please forgive my response in English :)

I wasn't aware that Rosenhan had been discredited. I've done a little reading on the DSM, and general skepticism of psychiatry as a science. I'm not only familiar with Rosenhan, but also Thomas Szasz, Paul McHugh (Johns Hopkins) and other skeptics. I worked in a school that accepted only adolescents who had been diagnosed with a psychiatric illness. I became rather a skeptic myself.

I remember the school social worker, equipped with only an MS in clinical social work, who announced that she could have any one of us committed on her say. This certainly gave me pause.

My students needed help. There was no question about that. They needed a place to rest, to be peaceful, a place where they were 'safe'. However, once they were diagnosed they were trapped. Some of them had what I considered transitory adolescent issues. When placed in a residential facility with others, they became subject almost to a culture of mental illness, and this strongly influenced their behavior.

I didn't think it was a good scene.

Many of my students needed medication. It was obvious they couldn't function without it. But the medication was a blunt instrument. Nobody really knows how it works. It dulls the mind and causes great weight gain. It does nothing to cure. It merely conceals symptoms, often at great cost.

Psychiatry is not really a science, in my opinion. Its diagnostic techniques are, as you suggest in your blog, subjective. There is a need for psychiatry, but in its current state that need is crudely satisfied. Maybe AI (which I basically detest), will offer answers that human studies have not been able to provide?

0
0
0.000
avatar

Thanks for your comment. I agree, it is not a science and I know personally cases of wrong diagnoses and just giving medication according to the trial and error principle rather than based on a solid diagnosis. The mind is too complex to find out what´s going on based just on questions and answers and some random behavior.

0
0
0.000
avatar

The story is fascinating, I have known several about clinics but this one is new to me; It shows that science without moral criteria can be distorted, but the good thing about science is that it corrects itself.

greetings

0
0
0.000
avatar

Corruption in the Philippines even affected the health sector; HIV cases increased 500% in 2025. Background of the corruption in the Philippines can be read here: [Philippine corruption] Diary of a Dictator -- Ferdinand Imelda The Last Days of Camelot 3/234

0
0
0.000
avatar

I'd suggest read How to raise a vaccine free child on HIV. Might give some interesting finds.

!invest_vote

0
0
0.000
avatar

Ja da wird man auch zum Alkoholiker abgestempelt, obwohl jeder wusste, das ich dort nur geparkt wurde, das wurde dann ueber die Wochen halt ein bisschen Vergessen.^^

Normal das des so glaufen ist. Menschengruppen funktionieren nun mal so. Das kann man auch in anderen Gruppen machen.

Solange man "deren" Sprache spricht, gehoert man dazu.

Jaja die Gruppenzugehoerigkeiten, und was wir uns alle deswegen Streiten.^^

Salve

Alucian

0
0
0.000
avatar

Ja, da mag ich zu meinem Hauptkommentar ergänzen, wie sehr ich eine Aussage mag, die ich von Marshall Bertram R mal hörte: Dass einer 50 Whiskey am Tag tringt, macht ihn noch nicht zum Alkoholiker. Er trinkt 50 Whiskey am Tag ist eine Beobachtung. Eine Diagnose hilft weder ihm noch uns. (paraphrasiert; und es sei denn, mit Diagnosen wird Geld verdient)

!invest_vote

0
0
0.000
avatar

It reminds us to be careful, fair and understanding when creating our diagnosis or verdict to other people. The thought of being misjudge even if you have a normal behavior is a risk of stigma.

0
0
0.000
avatar

Spannendes Thema. Laut lachte ich bei "Tatsächlich hatte Rosenhan aber niemanden geschickt." Was ich von all dem halte ist nicht mehr viel. Forscher schaffen Wissen, doch die Erfahrungen, die sie dabei machen, sind nicht selten stark verzerrt.

Mir gefallen Laurence J. Peter Arbeiten, auch in etwa aus der Zeit. Und wenn ich einen Forschungs-Wunsch frei hätte, würde ich Totalität in Bildungseinrichtungen betrachten wollen. Solange institutionalisierte Erziehung existiert, wird institutionalisierte Forschung einen Haufen Verzerrungen erzeugen, ohne die es viele andere Haufen Forschung nicht geben bräuchte. Doch das können sich Forscher ja selbst mal überlegen. Laurence Peter lässt grüßen.

!invest_vote

0
0
0.000
avatar

Hat in späteren Jahren niemand Ähnliches versucht?
Andererseits haben "zurechtgebogene""Forschungsergebnisse dem Vernehmen nach in den letzten Jahren zugenommen. Aber auch das gilt es zu hinterfragen!

0
0
0.000
avatar

Gute Frage.
Anscheinend nicht, es gab einen Versuch von Lauren Slater in 2004, aber die Ergebnisse wurden heftig kritisiert. Seit dem Buch von Cahalan war das Thema dann erst recht zu heikel.
Es ist heute unmöglich, so ein Experiment zu machen, da es auf Betrug basiert, also ethische und legale Probleme hat und nie durch eine Ethikkommission durchkäme.
2024 haben Flückinger u.a. die Voreingenommenheit nach der Präsentation von Fallstudien (mit Video, ohne beteiligte Personen) untersucht, aber die Ergebnisse waren weit nicht so verzerrt wie beim Rosenhan-Experiment.

0
0
0.000
avatar

Vielleicht über ein "Citizen Science"-Projekt. Der schwerfällige, überreglementierte Forschungsapparat ist zur Arbeit an innovativen, wirklich spannenden Themen offenbar nicht mehr fähig.

0
0
0.000
avatar

Auch ein "Citizen Science"-Projekt müsste im medizinischen Bereich den gleichen Spielregeln folgen.

0
0
0.000
avatar

Aber wenn dem nicht so ist, braucht der "Science Citizen" aber vielleicht keine Angst um seine Reputation in der academic Scientific Community" zu haben, weil er ihr schlicht nicht angehört ...

0
0
0.000
avatar

Mit Spielregeln meinte ich, dass so ein Experiment heutzutage nie durch eine Ethikkommission durchgehen würde. Und ohne - das wäre grob illegal.

0
0
0.000