[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #5/128
TEIL I
Heimkehr:
Macht, die Presse
und die Philippinen
1963–2004
Kapitel 1
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Die goldene Regel
Ich entscheide mich fürs Lernen
Schulfoto als Drittklässlerin am St. Scholastica’s College, 1973.
Man weiß nicht, wer man ist, bis man darum kämpfen muss.
Wie entscheidet man, wofür man kämpfen soll? Manchmal ist das keine eigene Entscheidung. Man gerät im Laufe des Lebens hinein, weil die Summe der getroffenen Entscheidungen einen an diesen Punkt bringt. Wer Glück hat, erkennt schon früh, dass jede Entscheidung, die sie oder er trifft, eine Antwort auf die Frage darstellt, mit der wir uns alle herumschlagen: Wie können wir unserem Leben einen Sinn geben? Sinn ist nicht etwas, über das man zufällig stolpert oder das einem jemand gibt; man schafft ihn durch jede Wahl, die man trifft, die Verpflichtungen, die man eingeht, die Menschen, die man liebt, und die Werte, die einem wichtig sind.
Mein eigenes Leben kann ich in Abschnitte von jeweils zehn Jahren unterteilen: Als ich zehn war, änderte sich mein Leben dramatisch; das folgende Jahrzehnt stand ganz im Zeichen der Entdeckung und Erforschung. In meinen Zwanzigern drehte sich alles um Entscheidungen: was ich nach dem College machen wollte, wo ich leben, für wen ich arbeiten, wen und wie ich lieben wollte. In meinen Dreißigern ging es um die Aneignung von Fachwissen in dem Bereich, der meine Berufung werden sollte – dem Journalismus – und um die damit verbundene Suche nach Gerechtigkeit. Harte Arbeit war ein ständiges Thema, das Einzige, von dem ich wusste, dass ich es steuern konnte.
Dann kamen meine Vierziger, meine »Master of the Universe«-Phase und meine selbst auferlegte Deadline, bis zu der ich mich endlich für einen Wohnsitz entscheiden und mich zu den Philippinen bekennen sollte. In meinen Fünfzigern geht es nun um Neuerfindung und Aktivismus: Ich beziehe Stellung zu meinen tiefsten Überzeugungen. Gegen die Morde und den schamlosen Machtmissbrauch, gegen die dunklen Seiten der Technik. Und ich bekenne mich zu meinen politischen Ansichten und meiner Sexualität.
Ich wurde am 2. Oktober 1963 in einem Holzhaus in Pasay City, einem Teil der Hauptstadtregion Metro Manila, auf den Philippinen geboren, einem weitläufigen Archipel mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen, die durch die katholische Kirche miteinander verbunden sind. Die Philippinen waren eine feudale Gesellschaft, beherrscht von Oligarchen, die ihr Land während der jahrhundertelangen spanischen Kolonialherrschaft erhalten hatten. Nach dem Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges im Jahr 1898 übergab Spanien die Philippinen im Rahmen des Pariser Vertrags an die Vereinigten Staaten. Ein Jahr später, so sagen die Philippiner, begann der Philippinisch-Amerikanische Krieg, der in den US-amerikanischen Geschichtsbüchern lange Zeit nur eine Fußnote blieb und als »Aufstand« bezeichnet wurde.
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Es war die Zeit der »Manifest Destiny«-Ideologie in den Vereinigten Staaten. Rudyard Kipling schrieb sein berühmtes imperialistisches Gedicht »Die Bürde des Weißen Mannes«, um die Amerikaner 1899 zu ermutigen, die Philippinen zu besetzen. Sie blieben bis 1935, als die Philippinen ein selbstverwaltetes Commonwealth wurden. Die Verfassung, die von US-Präsident Franklin D. Roosevelt genehmigt werden musste, war praktisch eine Neuauflage der US-Verfassung.
Im Jahr 1964 starb mein Vater Manuel Phil Aycardo bei einem Autounfall. Er war damals gerade zwanzig. Ich war ein Jahr alt, und meine Mutter, Hermelina, war mit meiner Schwester Mary Jane schwanger.
Meine Mutter brachte uns von der Familie meines Vaters weg. Meine Schwester und ich lebten in einem halb fertigen Haus mit meiner Mutter und meiner Urgroßmutter, die zwar nach Alkohol stank, sich aber um uns kümmerte. Wir waren so arm, dass wir uns die Zähne mit Salz putzten und uns ständig Sorgen machten, woher die nächste Mahlzeit kommen würde. Wenn meine Mutter, die beim Arbeitsministerium tätig war und dessen gelbe Uniform trug, am Zahltag mit einer Schachtel von Kentucky Fried Chicken nach Hause kam, war das für uns etwas Besonderes.
Als ich fünf war, flammte ein alter Familienstreit erneut auf, und meine Mutter ging in die Vereinigten Staaten, zu ihrer eigenen Mutter, die kurz zuvor nach New York City gezogen war. Meine Mutter war 25 Jahre alt, als sie am 28. April 1969 in San Francisco eintraf.
Meine Schwester und ich zogen bei den Eltern meines Vaters in der Times Street in Quezon City in der Metro Manila ein. Es war ein ruhiges, bescheidenes Mittelklasse-Viertel mit Vorgärten vor den Häusern.
Meine Großmutter väterlicherseits, Rosario Sunico, war tief religiös und vermittelte mir ihre Werte. Sie erzählte mir Geschichten über meinen Vater: jung, intelligent, ein guter Pianist aus einer Musikerfamilie.